Schaukelstuhl auf dem Elbdeich

An der Elbe
Datum: August 1979
Zeitraum: 1971 - 1980

Aus dem EJZ Jahresrückblick 1979: "Wo sich Aland und Elbe treffen, wurde ein Riesen-Schaukelstuhl, sechseinhalb Meter hoch, aufgestellt; eine Firma testet damit ihre Holzschutzlasuren auf Wetterfestigkeit."

Eine etwas andere Interpretation entnehmen wir einem Artikel vom 11. August 1979:
"Schaukelstuhl-Vision - Gestern in der Abenddämmerung, nicht weit von der Stelle, wo der Aland in die Elbe mündet, hatte ich eine Vision . » . d. h. eine Vision war es eigentlich gar nicht, denn was ich gesehen habe, war Tatsache, geheurer Größe, wie für einen Riesen aus dem Märchen einsam so mitten auf den Deich gestellt, hob sich vom Abendhimmel ab.
Und seltsam: Für mich war's sofort klar, was dieser Stuhl zu bedeuten hat. Vor wenigen Monaten ist ein Mann, der für diese Gegend eine besondere, eine bleibende Bedeutung hat, gestorben. Opfer eines Verkehrsunfalls. Das war Wilhelm v. Jagow, wohnhaft in Gummern. Wer ihn kannte (und wer kannte ihn nicht?), wer ihn in seinem Haus um einen Rat oder auch nur um ein gemütliches Gespräch aufsuchte, wird sich seines Schaukelstuhls erinnern, den er sich vor Jahrzehnten einmal gekauft hatte und der so etwas wie ein Stück von ihm geworden war. Die harmonischen Bewegungen dieses Möbelstücks mögen oft seine Gedanken beflügelt haben, die um die Probleme des Gemeinwesens kreisten, zu dem er so ganz und so aktiv gehört hat. Nicht zuletzt Fragen, die durch die Grenzziehung bei Gummern und Schnackenburg eine wichtige Rolle spielen: Das letzte Stück Aland fließt in der Bundesrepublik, und daraus ergeben sich mancherlei Deich-Probleme, die ihm besonders am Herzen lagen.
So steht der Riesen-Schaukelstuhl (6,50 Meter hoch!) unweit der Alandmündung dort auf dem Deich wie ein Denkmal. Es würde nicht wundernehmen, wenn Wilhelm v. Jagow sich darauf niederließe, ganz plötzlich von irgendwoher auftauchend und für eine kleine Weile nachdenklich die wohlvertraute Ecke dieser Welt musternd. Drum laßt den Schaukelstuhl dort stehen . . . man kann nie wissen.
Louis v. Ernest"

Die Realität beschreibt aber ein Artikel in der EJZ vom 3. September 1979:

"Der größte Schaukelstuhl
Eine Firma testet Schutzlasuren auf ihre Wetterfestigkeit

Schnackenburg. Aufsehen erregt nach wie vor der überdimensionale Schaukelstuhl auf dem Deich an der B 493 nahe Schnackenburg. Der 6,50 m hohe Holzkoloß ist Deutschlands größter Schaukelstuhl, den eine Herstellerfirma von Holzschutzlasuren hier von einem Gartower Zimmereibetrieb aufstellen ließ, um ihr Produkt einem Härtetest zu unterziehen.

Sinn und Zweck des Großversuchs ist es, der Öffentlichkeit zu zeigen, daß Holz, richtig behandelt, ein widerstandsfähiges und witterungsbeständiges Baumaterial ist. Dazu wurden in witterungsmäßig ungünstigen Gegenden Deutschlands auffällige, publikumswirksame Großobjekte aus Holz aufgestellt, mit der Holzschutzlasur behandelt und den Unbilden der Witterung ausgesetzt.


Die überdimensionierten Holzobjekte wurden von Architekten in einem Ideen- und Konstruktionswettbewerb entwickelt. Der Schnackenburger Schaukelstuhl entstand auf dem Reißbrett des Lüneburger Architekten Barthold Umland. Eine Jury wählte aus nahezu 100 Einsendungen acht Entwürfe aus. Dann entschied sich das Handwerk, also Schreiner und Malerbetriebe, für vier dieser acht Vorschläge. Bei der Suche nach den vier zur Aufstellung besonders geeigneten Gebieten war der zentrale Wetterdienst in Frankfurt behilflich.

So erhielt der Schaukelstuhl auf dem Deich bei Schnackenburg seinen Platz, da hier dichte Frühnebel, die sich erst bei starker Sonneneinstrahlung auflösen, als „Agressionsfaktor für Holz“ auftreten. Auf Helgoland ist ein übergroßer Tisch der Wechselwirkung von stark salzhaltiger Feuchtigkeit und starker Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Auf dem Hohenpreißenberg trotzt in knapp 1000 m Höhe ein rund acht Meter hohes Gartentor den ultravioletten Strahlen, und über einem idyllischen Tal im Donau-Inn-Gebiet ist das Objekt, dem die Jury den ersten Preis zuerkannte, nämlich einem Laufstall, den höchsten Temperaturschwankungen in Deutschland ausgesetzt,

Inzwischen hat die Herstellerfirma der Holzschutzlasuren damit begonnen, mit ganzseitigen Anzeigen in Illustrierten für ihr Produkt zu werben. Blickfang ist jeweils eines der überdimensionalen Objekte. Den Anfang machte der Riesentisch auf Helgoland. Und in Kürze wird Schnackenburgs Schaukelstuhl bundesweit Blicke auf sich ziehen. ür"
Autor/-in:  Herbert  Wilke
Quelle:    Museum Wustrow
Elbe • Innerdeutsche Grenze
Archiv-ID: 65074
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