Abendliche Kahnfahrt auf der Jeetzel (Zeitung für das Wendland vom 2. Juli 1931)
Hast Du, lieber Leser, so etwas schon einmal mitgemacht? Bist Du überhaupt schon mal Kahn gefahren, so um Lüchow herum? Wie wenige mögen das sein aus unserer Stadt, die doch von soviel Wasser umgeben und durchflossen wird, aber das laß Dir vorweg gesagt sein: Eine Kahnpartie auf unserer Jeetzel in der jetzigen Sommerzeit vermag Dir erst die Schönheit unseres Städtchens zu zeigen, wird Dir die Augen darüber öffnen, wieviel, leider so wenig bekannte, Idylle unsere nächste Umgebung birgt.
Unsere Freude war jedenfalls groß, als die längst angekündigte Kahnfahrt nun endlich steigen sollte. Um 8 Uhr waren wir zum Einsteigen befohlen. An dem alten Dannenberg’schen Hofe, gegenüber der Koch'schen Mühle ist die Anlegestelle. Dort hat der kleine „Jeetzeldampfer" nun schon seit Jahren sein Ruheplätzchen, festgebunden mit Ketten, die in dem alten, so festen, steinernem Gestade eingemauert sind. Unter riesigen Kastanien, unter Lindenbäumen, die ihren herrlichen Duft ausströmen, geht’s die steinerne Treppe hinunter zu unserem Gefährt. Das ist nicht etwa ein zierliches Boot, das in doppelter Besetzung schon Übergewicht hat, sondern so ein richtiger, derber, eichener Jeetzelkahn. ‚Appelkahn‘ würde der Berliner sagen. Ohne allzu große Angst vor der Seekrankheit findet unsere kleine Gesellschaft reichlich Platz. Auf der Brücke stehen einige Passanten; ich glaube, daß sie nicht ganz ohne Neid unserer Einbootung am Abend zusehen. Die Ketten werden gelöst und los geht die Fahrt. Wir haben Glück; es ist fast keine Strömung vorhanden, das Wehr an der Mühle ist zu. Da hat unser Fährmann mit seiner schweren Last nur geringe Arbeit, ganz gemächlich ‚stakt‘ er mit seiner eichenen Ruderstange. Das Boot gleitet kaum hörbar vorwärts. Nur am Bug bilden sich leichte Wellen. Es geht den Strom gegenan, den Hauptarm hinauf. Zur Linken zunächst ein Stück des landrätlichen Gartens. Rechts das neue hölzerne Gestade, das in Ausführung des großen Krüger’schen Projektes vor einigen Jahren angelegt wurde.
Wir fahren kaum einige Minuten, da dringt leise Musik an unser Ohr. Da hat jemand seinen Radioapparat angestellt. Eine Übertragung aus Wien. Es gibt die schönsten Strauß’schen Walzer. Bei diesen einschmeichelnden Weisen schaukeln wir unwillkürlich unseren Kahn. Es ist einfach herrlich! Echt wienerische Musik von der Donau her zur abendlichen Wasserfahrt auf der Jeetzel — Die Klänge begleiten uns noch ein Stück, dann machen wir Halt. An Lindemanns Garten wird die erste Station gemacht. Wir binden unseren Kahn fest, gerade unterhalb der uralten Laube mit den herrlichen bunten Glasfenstern. Uns gegenüber eine riesige Silberpappel, wohl der höchste Baum, den wir in Lüchow haben. Vom Weinberg bei Hitzacker aus habe ich ihn einma| bei klarem Wetter sehen können. Der Umfang dieses Riesen ist enorm. Früher soll er einmal ein Streitobjekt gewesen sein; er steht gerade auf der Grenze von drei aneinander stoßenden, verschiedenen Besitzern gehörenden Ländereien. Zu beiden Seiten stehen alte und junge Erlen. Und so ganz im Grünen genießen wir mit vollen Zügen den Abendfrieden. Auf dem Wasser muß man singen, sagt jemand. Unter den Klängen alter, bekannter Weisen fahren wir weiter. Zur Rechten war vor langen Jahren Bauers Garten. Die alte Laube war früher ein Kegelhaus. Wie manche Stunde mögen unsere Großväter hier auf der Kegelbahn verbracht haben. — Doch da sind wir schon an Bauers Eck, dort, wo sich die Jeetzel in die beiden Hauptarme teilt. Wir fahren nach links ans Ufer hinüber, da der Fährmann sonst nicht "gründen" kann. Doch noch einen Blick rückwärts auf die wundervolle Wasserstraße, die wir eben befahren haben. Wie der Eingang zu einem großen "goldenen Tor" erscheint die Einfahrt. — Den Hauptarm gehts noch ein Stück hinauf. Hier ist noch Leben. Verbotene Früchte schmecken bekanntlich immer am besten, und darum herrscht hier heute abend Badehochbetrieb. Wenn die Polizei einmal kommt, dann gibt es ja in den weiten Wiesen zur Genüge Gelegenheit zum Entwischen.
Bald macht unser Fährmann kehrt. Da bietet sich uns ein wundervoller Anblick, wie er sich kaum schöner denken läßt. Das Stadtbild von Lüchow, silhouettenhaft gegen den nächtlichen Himmel. Die Konturen des Amtsturms, der Johanniskirche und des Turmes der katholischen Kirche treten hervor. Wir kommen wieder an Bauers Eck vorbei und sind an der "historischen" Stelle, an der vor kurzem ein unermüdlicher Jünger Petris einen 17,5 pfündigen Karpfen aus der Jeetzel holte. Es hat den glücklichen Angler aber sicher noch viel Schweiß und Mühe gekostet, ehe er dieses "bemooste Haupt" aufs Trockene gebracht hat. Aber so ein Fang ist immer noch des "Schweißes der Edlen" wert. Die Angler sind eben immer die größten Optimisten, auch wenn sie tagelang erfolglos angeln. Unsere Kahnfahrt brachte uns den Beweis. Immer wieder mußten wir Obacht geben, damit wir nicht gegen die Angelruten fuhren, deren Besitzer im hohen Gras versteckt saßen.
Auch in der Badeanstalt war noch Leben. Das machten die 24° Wassertemperatur. Unser langjähriger Bademeister meinte es mal wieder gnädig und gab den nimmermüden „Wasserratten" ausgiebigst Gelegenheit, sich im nassen Element zu tummeln. Wir waren froh, daß wir, wenn auch mit manchem freundlichen Spritzer bedacht, wieder in ruhigere Gefilde kamen. Zur Rechten das idyllisch gelegene Kantorhaus und dann das Schmuckstück unserer Stadt, unser wohlgepflegter Amtsgarten. Bis zum Renneberg'schen Hause gings dann noch und trotz der Dunkelheit konnten wie noch erkennen, daß unser Amtsturm, die alte Burgruine, in unmittelbarer Nähe noch auf seine alten Tagen Konkurrenz bekommen hatte; es wird die höchste Zeit, daß diese Konkurrenz baldmöglichst wieder verschwindet, damit das herrliche Landschaftsbild wieder vollkommen wird. Doch wir müssen nun wieder umkehren. Die Strömung wird stärker, da das Wehr an der früheren Ölmühle hochgezogen ist. Bei der Rückfahrt benutzen wir den Probsteigraben. Die Einfahrt am Kantorhaus ist kaum zu finden, da das hohe Schilf zu beiden Seite nur eine sehr schmale Fahrrinne gelassen hat. Aber diese Fahrt durch den Probsteigraben ist Romantik. Unser Fährmann versteht es meisterhaft, uns durch die enge Gasse hindurchzusteuern. Hier genießen wir noch einmal den köstlichen Abendfrieden in vollsten Zügen. Heller Mondenschein fällt auf die lautlose Stille. Vom Turm schlägt die Uhr gerade 10 Glockenschläge, als wir uns mit dankbarem Herzen von unserem Fährmann verabschieden. Schnell finden wir den Weg durch den dunklen Garten des Dannenberg’schen Gutshauses, während unser Fährmann seinen Kahn wieder am Gestade festmacht.
Und nun noch einmal eine erweiternde Schlußfrage? Kennst Du die Schönheiten Deiner engsten Heimat auch recht? Warst du schon einmal in unserem Amtsgarten, um an stillen Abenden den Blick gen Süden in die unendliche Weite schweifen zu lassen? Hast Du schon unser Museum besucht, und als Abschluß Rundschau gehalten, vom Amtsturm herunter, auf Dein schönes Heimatland? Ich wünschte nur, Du könntest mir freudig zustimmen.
Zu diesem Bericht passen die
Filmaufnahmen einer Bootsfahrt über die Lüchower Jeetzelarme aus dem Jahr 1960.
Quelle:
Torsten
Schoepe
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