Hochzeit im Wendland

Veröffentlichung in einer Zeitschrift von 1932

Die im Wendland-Archiv vorliegenden Aufnahmen des Fotografen Hans Pusen, Hannover, wurden 1932 in einem Artikel über eine "Hochzeit im Wendland" veröffentlicht. In dem Artikel heißt es:

"Zu den merkwürdigsten Landschaften Deutschlands gehört das Wendland, das Ostrandgebiet der Lüneburger Heide, das sich zwischen den beiden Höhenrücken des unteren und oberen Drawehn erstreckt und darüber hinaus noch die in die Länge und Breite gezogene Jeetze-Niederung von Lübbow bis fast nach Dannenberg an der Elbe hin umfaßt. Hier, wo, wie im Spreewald stille, schwarze, flache Wasserarme und Kanäle die Niederung zerteilen; wo leise plätschernd das Stechruder am Heck eintaucht, um den Nachen geräuschlos vorwärts zu treiben, und wo die Störche noch ungestört in den Wiesengründen herumstelzen und klappern, klingen seltsame Ortsnamen auf: neben Wustrow und Lüchow "Zeetze" und "Jeetzel"; dann die Dörfer Wittzetze, Wittfeitzen und Waddeweitz; oder Tolstefanz, Crummassel und Meuchefitz.

Hier sind die sogenannten Rundlinge des Wendlandes anzutreffen, die in auffälligem Gegensatz zu der offenen Reihengruppierung niedersächsischer Siedlungen stehen und die, wie schon der Name andeutet, Häuser und Höfe zum Ring geschlossen um einen freien, runden Platz herum entstehen lassen. Ursprünglich ohne Zweifel für Verteidigungszwecke so gebaut, sind die Rundlingsformen des Wendlandes als lebendiger Beweis für die friedliche Ansiedlung anzusehen, die hinter der längs der Elbe angelegten Kette fester Wasserburgen stattgefunden hat.

Aber während z.B. die ebenso in germanische Umwelt eingesprenkelten Bewohner des Spreewaldes außer der Sprache als sichtbares Kennzeichen ihres slawischen Volkstums auch die farbenfreudige, bänder- und tücherreiche Tracht beibehalten haben, tragen die Wendenfrauen der Jeetzeniederung nur bei ganz besonderen Anlässen noch ihre altererbte Kleidung.

Hochzeit im Wendland! Zu Fuß, zu Pferd, hoch auf dem Kirchwagen kommen sie aus den Rundlingen herbeigeströmt: Trauleiter und Kranzdeerns, Schenker, Kranzjungmänner und Hochzeitsgäste. Hochzeit im Wendland: wie ein schöner, ferner Traum gleitet der festliche Zug durch die blumenübersäten Wiesen der Jeetzelniederung. Voran am Arm des Bräutigams die geschmückte Braut, mit runder Krone aus buntem Flitterwerk, umwebt von prächtig gestickten Bändern, die von Kopf bis zu den Füßen flattern.

Dann folgen vier Paare von Angehörigen, die Frauen durch goldverbrämte Mützen ausgezeichnet. In der Mitte des Brautzuges drei festlich geputzte Kranzdeerns oder Brautjungfern, die sich nur durch kürzere Bänder und Tücher von der Tracht der Braut unterscheiden. Jetzt tauchen leuchtendrote Mützen im Zuge auf; schwarze, einfachere schließen sich an, und zu guter Letzt marschiert der Mundschenk hinterdrein; oder vielmehr, es sind ihrer gleich zwei, der eine schwenkt die gewichtige Bierkanne mit 10 Liter Inhalt, und der andere geht mit der dickbauchigen Kümmelflasche um.

So zieht der Brautzug denn buntflatternd durch die von alten Fachwerkbauten eingerahmten Straßen von Lüchow zur Kirche, zum Standesamt, zur Hochzeitstafel. Und hier, bei festlichem Mahle und festlichem Trank, kommt die gefällige und gewandte Art der Slawen gar bald zur Geltung: kaum daß die Fiedel erklungen, sind Deern und Jungmann, sind Bäuerin und Bauer schon ganz in Stimmung und Schwung. Das dreht und tanzt und schleift und wirbelt unermüdlich, bis der neue Tag anbricht."

Der Artikel wird von 6 Aufnahmen illustriert. Weitere Fotos dieser Aufnahmeserie einer inszenierten Hochzeit sind in dem Wendland-Archiv unter dem Schlagwort Trachten zu finden.
Lüchow
Datum: 1932
Quelle:  Torsten  Schoepe (Sammlung)
Nutzungsrechte: Bitte wenden Sie sich an Torsten Schoepe, Osterstraße 7, 31174 Ottbergen, e-mail torsten@schoepe.de
Datenbasis Zeitungsartikel Trachten Hochzeit Besondere Anlässe
Archiv-ID: 32040
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