Ferienerlebnisse in Kiefen

"Kiefen – ein kleines Dorf im Wendland

Mein Name ist Gerd Koß.

Ich bin Anfang 1942 in Hamburg-Harburg geboren und habe dort meine Kindheit und später in Hamburg meine Jugendzeit verbracht. Seit vielen Jahren wohne ich mit meiner Frau im Landkreis Harburg in Bendestorf. Im Alter erinnert man sich gerne an Erlebnisse aus Kindheit und Jugend. Bei mir gehören hierzu unauslöschlich meine Erinnerungen an das kleine Dorf Kiefen an der Chaussee zwischen Uelzen und Lüchow.

Meine Großmutter väterlichseits, Anna Koß, geb. Schoop (1886-1971), pflegte mit ihrer Freundin Anna Lüders geb. Kaiser (1885-1964), zeitlebens eine enge und gute Freundschaft seit gemeinsamer Kindheit in Niendorf bei Römstedt nahe Uelzen. Nachdem Anna und Heinrich Lüders sen.(1884-1943) im Jahre 1929 und später Heinrich Lüders jun. (1908-1973) den Gasthof Schulz in Kiefen "oben an der Chaussee" als Gastwirt übernommen hatte, folgten regelmäßige Besuche und Aufenthalte meiner Großeltern mit ihren beiden Söhnen Karl, mein Vater (1915-1971), und Walter, mein Patenonkel (1913-1993) in Kiefen. Mein Onkel Walter heiratete 1943 die jüngere Tochter Margarete (geb.1920) vom Hof Kiefen 3 (Kofahl) Schulz, deren älteste Tochter Elli (1911-1981) bereits mit dem Gastwirt Heinrich Lüders jun. verheiratet war. Durch diese freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Verbindungen kam ich von frühester Kindheit an bis etwa 1957/58 regelmäßig und meist für mehrere Wochen nach Kiefen. Mit dem Erwachsenwerden wurde mir Kiefen zu "uncool", und die ersten Fahrten mit den Pfadfindern waren dann viel attraktiver.

Ich kann mich natürlich nicht daran erinnern, aber es gibt ein Foto aus dem Sommer 1944, aufgenommen vor dem Gasthaus Lüders mit den Großeltern Anna und Karl Koß sen. (das letzte Foto von ihm) und den Familien Margarete und Walter Koß mit Sohn Wolfgang und meinen Eltern Emma und Karl Koß jun. mit mir als Zweijährigen. Die Männer kehrten zu Kriegszeiten zu ihren Dienststellen zurück, und die Mütter blieben mit den Kindern für längere Zeit "auf dem Land", wo ja auch jede mitarbeitende Hand durchaus willkommen war. So blieben Großmutter und Mutter und ich bis in den Herbst in Kiefen. Und das hat unser Leben gerettet ! Im Oktober 1944 traf eine Fliegerbombe das Mehrfamilienhaus in Hamburg-Harburg in dem Großeltern und meine Eltern wohnten. Mein Großvater und alle Hausbewohner kamen ums Leben.

Meine ersten Erinnerungen beginnen mit etwa 5 Jahren, also ca. 1947. Meine Cousine Regina Lüders (geb. 1939) ging unten im Dorf beim Lehrer Ahrens zur Schule. Ich war sehr neugierig und drängelte wohl so lange, bis auch ich einmal für eine Stunde "zur Schule gehen" durfte. Gelernt habe ich vermutlich noch nichts, aber der Klassenraum blieb mir bis heute in Erinnerung. Im Jahre 2009 habe ich anlässlich der "Kulturellen Landpartie" das alte Schulgebäude, inzwischen im Besitz eines netten Künstlerehepaares, besucht und mich gefreut, den prächtigen alten Ofen im ehemaligen Klassenzimmer nach 62 Jahren wieder zu sehen.

Kiefen verbindet sich bei mir stets mit Wärme und Sonnenschein. Geregnet hat es scheinbar nie. Das mag daran liegen, dass ich als Schüler immer die langen Sommerferien in den warmen Sommermonaten in Kiefen verlebte. Wenn Mutter in den ersten Ferientagen die Koffer packte, war es soweit. Es ging nach Kiefen, raus in eine heile Welt. Von Harburg mit dem Bummelzug nach Uelzen, schon das war ein Erlebnis in einer Zeit, in der es für uns das Wort Urlaubsreise noch gar nicht gab. Von Uelzen aus dann weiter mit dem gelben Postbus nach Kiefen. Schon in Waddeweitz konnte ich sehen, dass "Lüders Mudder" (Tante Anna) und "Lüders Elli" (Tante Elli) an der Haltestelle direkt vor dem Gasthaus auf uns Städter warteten.

Nach Austausch der Neuigkeiten bekam ich dann mein Bett zugeteilt. Das war manchmal unten bei Opa Schulz (Kofahl Schulz – Kiefen 3) in der Dachkammer, meist aber bei Lüders in einem der Zimmer oben neben dem Saal oder im Fremdenzimmer. In Erinnerung bleiben die gefühlt zentnerschweren Oberbetten, gestopft mit Gänsefedern aus eigener Zucht und die manchmal arg pieksenden Federkiele.Und natürlich auch der möglichst unterdrückte nächtliche Toilettengang. Wenn es nicht anders ging, dann musste ich die Treppe herunter und hinten über den unbeleuchteten Hof zum Plumpsklo. Auch tagsüber fürchtete ich mich vor diesem Klo, nachdem ich mir vorstellte, was passieren würde, wenn ich rückwärts in das große Plumpsloch hineinfallen würde. Aber den Pisspott unter dem Bett wollte ich auch nicht benutzen. Das war mir zu peinlich.

Onkel Heini (Lüders jun.) war ein Mann mit vielen beruflichen Tätigkeiten. Neben dem Haupthaus mit Gaststätte und Wohnung gab es eine kleine Shell- Tankstelle. Es kamen damals vermutlich mehr Mopeds und Motorräder zum Tanken als Autos. Wenn ein Tankkunde kam, musste er einen Klingelknopf drücken. Es schellte im Haus und mit dem Ruf "Taaaanken" kam dann jemand nach draußen zum Betanken. Die Zweitaktmischung wurde mit einer Handpumpe in einem ca. 5 Liter Glaszylinder gemischt und dann mit einem Schlauch in den Tank abgelassen. Auch die Autotanks wurde mit einer manuellen Pumpe betankt. Die Rechnung bezahlte dann der Kunde in der Gaststube, meist zusammen mit einem Bier und Korn. Währenddessen hatte dann Bello (so hießen bei Lüders alle Hunde) schon mal die Radkappen des Autos "geölt".

Der "Öffentliche Fernsprecher" stand im Flur in einer Fernsprechkabine, deren Tür aber meist offen blieb. Das Telefonieren war Anfang der 50er Jahre noch nicht so alltäglich, und die Lautstärke richtete sich manchmal wohl nach der Entfernung. Meine Mutter sagte dann manchmal, meine Güte, was hat der aber laut "gebölkt". Linksseitig vom Hauseingang war die Poststelle in der "Poststuuv". Zu Postzeiten wurde eine kleine Durchreiche geöffnet und hier wurden die Postgeschäfte getätigt. Wenn der Postwagen morgens die Post gebracht hatte, musste sie auch zugestellt werden. Das machte in frühen Jahren meine Tante Elli mit dem Fahrrad, später auch meine Cousine Regina mit dem Fahrrad und mit der Motorisierung mit einem Auto, ein grauer Ford 12 M, wenn ich mich recht erinnere. Ich habe Tante Elli oder auch Regina hin und wieder begleitet. So lernte ich die Leute und umliegenden Dörfer ein wenig kennen. Und das Fahrradfahren, obwohl die Räder meist einen "Gesundheitslenker" hatten und Damenräder waren, war eine tolle Sache, denn ich bekam erst viel später zu meiner Konfirmation mein erstes eigenes Fahrrad. Natürlich mit einem schicken "Vorbaulenker" und einer 3er Gangschaltung.

Mit viel Respekt begegnete ich stets den Bienen. Onkel Heini hatte eine Reihe von Bienenvölkern. Die damals noch runden aus Stroh geflochtenen Bienenkörbe waren aus meiner Sicht recht ungünstig positioniert, nämlich auf Höhe des Toilettenhauses. Die beiden Kabinen hatten, wie es sich gehört, ein Herz als Öffnung in der Tür und nicht selten störte dann eine einfliegende und aggressive Biene die Sitzung. Der zweite Ort zur Vorsicht war die Hausrückseite, dort wo das Leergut aus der Gastwirtschaft abgestellt war. Hier schwirrte und brummte es mächtig und in Kiefen habe ich gelernt, dass eine aufgelegte Zwiebelscheibe den Schmerz eines Bienenstiches etwas lindern kann.

Zum Betrieb gehörte auch eine Landwirtschaft, ein großer Gemüsegarten und etwas Viehhaltung. Die zwei Kühe und mehrere Schweine dienten der Selbstversorgung. Auf dem Hof gab es Hühner, Enten und Gänse und ich erinnere mich noch daran, wie ekelig es sich zwischen den Zehen anfühlte, wenn ich barfuß laufend in eine deren Hinterlassenschaften getreten war. Onkel Heini betrieb und verwaltete eine Viehwaage für die Viehhändler aus der Umgebung. Das war sehr umsatzfördernd für die Gaststube! Auf dem Hof stand eine Depotscheune vom Kornhaus Schnega und an einer alten Eiche wurden nach Einsätzen oder Übungen die Feuerwehrschläuche mit einer Handwinde zum Trocknen hochgezogen. Wenn die Schläuche danach wieder im Feuerwehrhaus verstaut waren, dann reizte uns Kinder die Handwinde mit dem Bügel. Wir konnten uns damit wie Tarzan über den halben Hof schwingen. Das war uns zwar verboten, aber da die Eiche ganz hinten an der Straße steht, hat keiner unsere Schwünge gesehen.

Als ich etwas größer war, habe ich versucht, mich zur Erntezeit etwas nützlich zu machen. Mir ist noch die Situation erinnerlich, dass Onkel Heini mit einem Trecker den Selbstbinder ziehend, das Korn schnitt. Wir gingen hinter dem Gerät her und stellten die Garben zu Stiegen zusammen. Ich glaube, dass es 8 oder 10 Garben waren, die von zwei Personen gleichzeitig gegeneinander in Form eines Daches gestellt wurden. Und bei den zweiten Garben fielen manchmal die ersten wieder um. Noch schlimmer war es, wenn sich der Knoten des Bindegarns löste. Dann wurde mit etwas Stroh die Garbe neu gebündelt. Nachdem das Korn getrocknet war, wurde es mit einem Leiterwagen vom Feld geholt. Opa Schulz unten in Kiefen hatte keinen Trecker, und diese Arbeiten verrichteten die beiden Pferde. Der Sohn Paul war auf dem Hof die starke Hand und für die Pferde verantwortlich. Ich erinnere mich noch, wie ich vorn auf dem Leiterwagen neben Onkel Paul saß, der hölzerne und ungefederte Leiterwagen über die Feldwege rumpelte, und die beiden Pferde – die Namen habe ich leider vergessen - schon alleine ihren Weg zum Feld oder zurück fanden. Es war harte Männerarbeit, mit einer Forke die Garben mehrere Meter hoch auf den Leiterwagen zu hieven. Meist durfte ich oben auf dem Wagen die Garben annehmen und zurechtlegen. Auf dem Hof stand die mobile Dreschmaschine. Angetrieben mit großen breiten Riemen machte die hölzerne Dreschmaschine einen tüchtigen Lärm, und beim Dreschvorgang entstand immer eine riesige Staubwolke, die sich über das gesamte Gehöft verbreitete. Ich habe oft oben auf dem Drescher gestanden und die hochgereichten Garben aufgeschnitten und dann langsam und gleichmäßig die Halme auf ein Förderband aus Leinen gelegt. Die Halme wurden in der Maschine gerüttelt und geschüttelt, sodass das Korn sich herauslöste und über ein Sieb in große Säcke fiel. Die ausgedroschenen Halme, das Stroh, kam dann gleich in die Scheune. Unangenehm war bei dieser Arbeit, dass der Staub und die kratzenden Ährenhülsen sich schnell in Augen, Nase und Kleidung festsetzte. Heutzutage ginge die Kleidung schnell in die Waschmaschine, damals wurde sie nur kräftig ausgeschüttelt, da es keine Waschmaschine gab. Schön waren aber die Arbeitspausen auf dem Feld oder auch auf dem Hof. Für die Erwachsenen gab es einen Pott Kaffee (vermutlich "guten" Kaffee und keinen Muckefuck) und für uns Kinder häufig Waldmeisterbrause: Du teilst auf und ich suche aus. Dazu gab es nachmittags "Bröck" zur Stärkung. Das sind in Streifen geschnittene und getrocknete Butterkuchenstücke. Als ich später auch Kaffee trinken durfte, habe ich sie wie die Erwachsenen in den Kaffee getunkt und etwas angeweicht gegessen. Das schmeckt mir heute noch, wenn der Kuchen mal etwas hart geworden ist.

Ach ja, das Essen in der Nachkriegszeit! Obwohl meine Eltern in der schlechten Zeit von 1945 bis etwa 1950 glücklicherweise nicht Hunger leiden mussten, war das Essen bei Lüders in Kiefen immer etwas Besonderes. Statt "Künstlerhonig" (Kunsthonig) gab es selbst geschleuderten Imkerhonig. Der wurde in einer braunen Steinkruke, lose mit einem Teller abgedeckt, in der Speisekammer aufbewahrt. Das wussten wohl auch die Ameisen, denn manchmal sah das dann aus, wie man es vom Bernstein kennt... Lecker war auch die selbstgemachte Butter. Beim Buttern habe ich bei Lüders Mudder (Tante Anna) zugeschaut und gesehen, dass man Butter nicht nur im Laden kaufen kann. Speck, Schinken, Leberwurst, Griebenschmalz und "Schlimme Augen Wurst" (Blutwurst) habe ich erst am Küchentisch bei Tante Elli und Onkel Heini in Kiefen kennen gelernt. Sowas Leckeres kam in der Nachkriegszeit bei uns zuhause wohl noch nicht einmal zu Weihnachten auf dem Tisch. Ich schwärme heute noch von dem Brot, welches in große Scheiben geschnitten auf den Tisch kam. Tante Elli hat das Brot vor der Brust haltend mit einem großen Messer Scheibe um Scheibe abgesäbelt, und ich habe immer gefürchtet, sie würde sich dabei verletzen. Tat sie aber nicht. Das Brot wurde bei Opa Schulz in einem großen Lehmofen draußen auf dem Hof gebacken. Zuerst wurde viel Buschwerk in den Ofen gestopft und verbrannt. Dadurch heizte sich der Ofen kräftig auf. Die Asche wurde dann ausgekehrt und zuerst die großen Brote eingeschoben. Dann folgten meist mehrere Bleche Butterkuchen und nach deren Backzeit blieben einige Bleche solange drin, bis sie zu "Bröck" getrocknet waren.

Den Wert der Ernte für den Bauern habe ich als Schuljunge einmal recht deutlich vermittelt bekommen. Und das war so: ich war auf dem Weg von Kukate nach Kiefen und habe mir den Weg etwas verkürzt, indem ich über Eck durch ein reifes Kornfeld lief. Leider hatte das der Bauer gesehen und am nächsten Tag habe ich mir eine saftige Standpauke abholen müssen und weiß seitdem, dass drei Ähren eine Scheibe Brot bedeuten. Die angedrohte Tracht Prügel konnte zwar vermieden werden, aber ich habe noch jahrelang Angst vor ihm gehabt und bin auch niemals mehr durch ein Kornfeld gelaufen. Vor einigen Jahren habe ich zufällig beim Bäcker Bertram in Lüchow mit dem 2000g Landbrot ein Brot entdeckt, das so ähnlich wie vor 60 Jahren in Kiefen schmeckt. Es klingt etwas verrückt, aber ich fahre heute manchmal 200 km zum Brotholen.

In der Gaststube hatten wir Kinder in der Regel nichts zu suchen. Hin und wieder durften wir am Sonntag, wenn Theke und Stammtisch nicht besetzt waren, dort spielen. Wir spielten manchmal "Schlesische Lotterie", eine Art Glückspiel. Aber natürlich mit Bohnen als Spielgeld, denn Geld als Belohnung oder gar Taschengeld gab es damals nicht. Neben der Gaststube gab es einen weiteren Raum, das Clubzimmer. Ich erinnere mich, dass hier einmal ein Wanderkinomann seinen Vorführapparat und Leinwand aufgebaut hatte für eine Kinoaufführung. Der Laden war gerammelt voll. Sicher gab es einen Heimatfilm und das war nichts für mich. Später stellte Onkel Heini hier einen Fernsehapparat auf, wohl der erste und einzige Fernseher weit und breit.

Als Kind genoss ich damals die vielen Spielmöglichkeiten in Kiefen. Mit dem gleichaltrigen Nachbarsjungen Joachim Pengel aus dem Eckhaus zum Weg nach Kukate habe ich gerne gespielt und auch so manchen Unsinn getrieben. Joachim hatte ein Luftgewehr. Das war schon was ganz Anderes wie die Pistolen mit Knallplätzchen oder Flitzbögen mit denen wir in Harburg auf den Trümmergrundstücken Cowboy und Indianer spielten ! Mit einem Luftgewehr, Marke "Diana" mit Knicklauf, kann ein Junge vieles treffen, was er gar nicht treffen sollte. Zum Beispiel die weißen Isolatoren auf den Telefonmasten.Oder eine weit entfernt friedlich grasende Kuh, Marke Buntjack (bunte Jacke wegen der Fellfarbe),die dann scheinbar urplötzlich aufschreckte. Aber meist waren es dann doch leere Flaschen, die wir uns auch manchmal aus dem Leergut der Gaststube oder den vielen Mostflaschen klaubten. (Tante Elli ließ die reiche Apfelernte zur Mosterei bringen und dann gab es abgefüllten Apfelsaft zurück) Und wenn Vater Pengel uns keine Eierbecher (Luftgewehrmunition) mehr gab, dann haben wir die plattgedrückten Geschosse aus der Scheunentür herausgepopelt. Und wenn nichts mehr ging, dann schossen wir auch mit Samen, Erbsen usw.

Das Fahrradfahren habe ich schon erwähnt. Als Opa Schulz das Radfahren zu anstrengend wurde, hat er sich ein Moped zugelegt. Eine mit Riemen angetriebene "Rex" und vermutlich führerscheinfrei. Als ich schon etwas größer war, durfte ich damit hin und wieder fahren. Meist als Belohnung für irgendwas oder für eine Erledigung. Ich erinnere eine ausgedehnte Fahrt nach Waddeweitz (ca. 1 km) und auf dem Rückweg musste ich auf der Chaussee an dem Haus des Polizeimeisters vorbei. Ich sehe noch heute, dass sich bei meinem Vorbeifahren die Gardine bewegte. Aber meine Fahrt blieb ohne Ermahnung. Das wurde damals wohl nicht so eng gesehen.

Erzählen könnte ich noch sehr vieles aus Kiefen, doch ich möchte mit einer kleinen, allerdings nicht selbst erlebten Geschichte enden: Als im Frühjahr 1945 der Krieg aus war, fuhr ein Jeep mit "Tommies" (engl. Soldaten) aus Lüchow kommend die Chaussee entlang, stoppte vor Lüders Gasthof und ein Offizier mit bewaffneten Soldaten betrat die Gaststube, wo sich die Familie Lüders, sicher etwas verängstigt, aufhielt. Der Offizier schnarrte was von "Äcks". Keiner verstand ihn, und er wiederholte "Äcks, Äcks". Onkel Heini verstand nun und ging nach draußen zum Holzschuppen und kam mit der Axt über der Schulter wieder in die Gaststube. (Onkel Heini war ein großer und kräftiger Mann) Die Sicherungshebel der Gewehre knackten ... Ob nun die Soldaten ihre Eier bekommen haben, weiß ich nicht. Auch nicht, ob sich diese Geschichte so abgespielt hat oder nicht. Meine Eltern haben sie häufiger so erzählt.

Meine Frau und ich haben in den vergangenen Jahrzehnten anlässlich Geburtstage und leider auch trauriger Anlässen immer mal wieder Kiefen besucht. Meine Cousine Regina Fischer geb. Lüders wohnt mit Ihrem Mann Franz in Kiefen. Der Gasthof Lüders und der Hof von Opa Schulz gehören seit vielen Jahren anderen Besitzern und ich habe keinen Kontakt zu den beiden Höfen, wo ich in meiner Kindheit und Jugend meine Sommerferien verleben durfte. Wehmütig macht mich der jetzige Zustand des Dorfes. Die einst so betriebsamen Höfe werden kaum noch bewirtschaftet. Häuser und Höfe verfallen scheinbar. Hier und da unschöne An- und Umbauten sowie einige Neubauten, die wie Fremdkörper wirken. Man sieht und hört kein Vieh draußen auf der Weide oder in den Stallungen. Mir ist noch das langgezogene Muhh von den Kühen zur Melkzeit in den Ohren. Stattdessen Autos auf den inzwischen asphaltierten Wegen. Aber das ist der Lauf der Zeit und auch in anderen Dörfern ganz ähnlich."

Karin Rudloff kommentierte am 20.05.2010
Ein Bericht wie aus einer anderen Zeit. Vergnüglich. Und irgendwie kommt auch ein bißchen Wehmut auf.
Kiefen
Quelle:  Gerd  Koß
Archiv-ID: 32166
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